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Geliebtes Hinterland

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In Zeiten einer Pandemie zieht es viele Studenten wieder zurück in die Elternhäuser. Man tauscht die WG gegen das alte Kinderzimmer und Zeit mit der Familie. Welche Motive dafür herhalten, sind manchmal offensichtlich aber manchmal nicht.

Wo würdet ihr sein wollen, wenn sich die Welt in ein Desaster verwandelt? Am Meer? In den Bergen? Auf einem Bauernhof? In New York?
Für viele junge Studenten, das konnte man in den letzten Wochen beobachten, ist die Antwort auf diese Frage: im alten Kinderzimmer, bei Mama und Papa.
Schon als die Geschäfte noch geöffnet hatten und die Cafes den Kaffee noch in Tassen servieren durften, setzte unter jungen Menschen eine Corona-Stadtflucht ein. Sie posteten auf Instagram Bilder von Vorstädten und selbst gebackenem Kuchen, sie saßen mit ihren Geschwistern am Frühstückstisch. Sie flohen aus ihrem eigenen Leben und kehrten zurück in das Leben ihrer Eltern. Die Was in den Uni-Städten leerten sich, und die Studierenden fuhren ausgerechnet an die Orte, von denen sie doch immer weggewollt hatten. Zumindest hatten sie das behauptet.

 
 

Das Ansteckungsrisiko schien den meisten egal zu sein. Die Eltern sind ja noch jung, nicht einmal in Rente. Sie sehen selbst nicht ein, wieso ihre Kinder sie vor sich schützen sollten. Komm doch nach Hause, sagten sie ihren Kindern, und es war ihnen egal, wie lange diese Zeit dauern würde. Und die Kinder, so erzählen sie es, wenn man sie danach fragt, dachten: Wenn die Welt jetzt zum Stillstand kommt, dann gehe ich dort hin, wo alles sowieso immer stillzustehen scheint.

Bleibt die Frage, ob die die Stille in ihren eigenen Leben nicht ausgehalten hätten. Ob es nicht von Begin an eine Qual war: das Ausziehen, die WGs, die Großstadt. Gut möglich, dass die Kreise diese Generation auf lange Sicht verändern wird. Wertvorstellungen, Gewohnheiten. Vielleicht wird hinterher alles etwas ruhiger.

 
 

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Der Rückzug in die elterlichen Häuser hat zuallererst etwas Niedliches, Erbauliches sogar, wenn man diese Generation zwischen Abitur und dem ersten Job betrachtet. Denn dass Eltern und Kinder einander zumuten können, Wochenland aufeinanderzuhocken, zeugt ja von großartigen Verhältnissen. Verhältnissen, in denen man miteinander spricht, sein Leben teilt, sich gegenseitig aushalten kann, selbst wenn draussen eine Pandemie umgeht, die alle stresst. Die jungen Menschen, die jetzt auf Sofalandschaften liegen, unter den gleichen Wolldecken wie als Kinder, werden sich für den Rest ihres Lebens verkneifen müssen, was sie sonst sogern tun: ihren Eltern und deren Erziehung die Schusämtlichen Charakterschwächen zu geben. Eltern, zu denen man beim Weltuntergang zurückkehrt, können keine schlechtenEltern sein.
Aber neben der Niedlichkeit des Heimkehrens liegt direkt die Einsicht, dass die Entscheidungen, die man in den vergangen Jahren getroffen hat, vielleicht eher mit Opportunismus als mit Wollen zu tu hatten.
Alle wollen doch studieren, alle wollen in eine WG ziehen, alle wollen in die Stadt und Dinge tun, die man dort so tut. Sich in Cafes treffen, in Bars gehen, in Trams fahren, auf Wiesen sitzen und gemeinsam von der Zukunft träumen. Irgendwann ein Semester ins Ausland gehen, das WG- Zimmer untervermieten, sich dort im Cafes treffen, in Bars gehen, zurückkehren, einen Job finden in einer anderen Stadt, die paar Möbel mitnehmen, die man hat - weiterziehen. Das ist das Leben von dem Abiturienten träumen, wenn die ihr Zeugnis in der Hand halten. Man kennt diese Lebensentwürfe als Handlung der Serie Girls oder aus etlichen Teenie Filmen.
Wer heute aufwächst, wird darauf trainiert, sich auf nichts festzulegen. Nicht auf ein Land, nicht auf eine Stadt, nicht auf einen einzigen Beruf. Stattdessen sollte man flexibel bleiben, minimalistisch, wandelbar. Wer heute aufwächst, hat früher nach der Schule die Doku Serie Auf und davon geschaut, in der Schüler mit der Kamera in ihr Auslandsjahr begleitet wurden, und später auf Netflix Aufräumen mit Marie Kondo, wo man lernt, wie man alles wegwirft, was man nicht andauernd braucht. Junge Menschen, die in ihrem Heimatort bleiben, zum Urlaub an die Nordsee fahren und eine Ausbildung machen, sind etwas besonderes. Die Welt entdecken zu wollen, ist eine Notwendigkeit geworden. Daheim zu bleiben ists mutig - weil es anders ist.

 
 

Deshalb ist diese Generation nicht eimatlos, denn die Heimat ist bei den Eltern - aber sie hat kein Zuhause. Sie hat sich über Jahre einreden lassen, dass es erstrebenswert sei, an so vielen Orten wie möglich wohnen zu können. Zur urbanen Elite zu gehören, die nichts benötigt außer ein MacBook , um loslegen zu können. Wegen dieser Generation gibt es Möbelhersteller, bei denen alles aus Pappe ist, die Betten und die Kommoden. Wegen dieser Generation vermieten Hotels in Berlin ihre Zimmer semesterweise. Das, was sie „Zuhause“ nennen, ist oft nur der Ort, an dem sie am häufigsten übernachten. Das, was sie als Leben betrachten, findet draußen statt, an Orten, über deren Einrichtung sie nicht mitentscheiden können.
Das liegt, so realpolitisch muss man es sehen, auch an den hohen Mieten in Uni-Städten. In Heidelberg, Berlin, Hamburg muss man inzwischen über die Hälfte des Bafög-Satzes ausgeben, um ein WG-Zimmer zu finden.
Weil es über die Jahre keine Lösung für das Wohnungsproblem gab, haben die Studierenden sich das Problem selbst ausgeredet. Viele sind schulterzuckend in Wohnungen gezogen, in denen sie sicvh zwar nicht wohlfühlten, die aber Dach und Heizung hatten. Reicht ja. Dachten sie. Die Konkurrenz um den Wohnraum hat am Ende des Wohnen selbst entwertet. Und weil die jungen Leute sich mit so wenig zufriedengegeben haben, mit winzigen Zimmern in Studentendörfern, mit Abstellkammern und Wohnmobilen, wirkte das Problem in der öffentlichen Debatte weniger dringend. Es kamen ja alle unter. Aber das hat mit Zuhuasesein nicht viel zutun.

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Jetzt liegt diese Generation wieder in den Betten ihrer Kindheit, es riecht nach Weichspüler, beim Videoanruf erzählen sie von den guten Nachrichten aus der Lokalzeitung: Kein neuer Corona-Fall. Der Wochenmarkt hat an drei statt an zwei Tagen geöffnet.

 
 

Wer keine Kinder hat, keinen festen Job, den hält auch in den späten Zwanzigern nichts an seiner Meldeadresse. Zumindest nichts, was ein Gefühl von Geborgenheit erzeugen könnte, die einen durch die Stille trägt. Sobald die Cafes schließen und die Bibliotheken, verlieren die jungen Menschen ihre Bezugspunkte. Für manche gibt es in den Uni-Städten nicht einmal Freundschaften, für die es sich lohnt, zu bleiben. Warum in Freundschaften investieren, wenn man sowieso nur auf Dwurchreise ist. Was bedeutet ein Zuhause, wenn man sich dort nicht gerne aufhält? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Unabhängigkeit und Verlorensein? Wie wird sich das anfühlen, nach der Krise zurückzukehren an Orte, die einen nicht vermisst haben?

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Es könnte der Zeitpunkt sein, an dem die Sesshaftigkeit die Konnotation der Kleingeistigkeit verliert. Denn es ist ja sehr wohl erlaubt, fünf Sprachen zu sprechen und sich trotzdem ein Haus mit Garten zu wünschen. Es ist okay, die dunkle Erdgeschosswohnung nicht zu wollen, auch wenn die Uni-Bibliothek gleich nebenan wäre. Es ist einfach nicht erstrebenswert, monatlich Meite für einen Ort zu bezahlen, an dem man sich nicht wohlfühlt. Man darf darüber sogar wütend sein. Man muss sich nicht abfinden.
Vielleicht nutzt diese Generation ja die Zeit, um sich die Frage zu stellen, ob sie das nicht auch selbst gerne hätte: ein Zuhause, das eine Heimat werden könnte.

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Von
Celine Andrysiak
Am
14. Juli 2020